
Mythen und Fakten
Wie gefährlich sind Stadttauben für Menschen?
Ein zentrales Argument der kommerziellen Taubenabwehr ist die Behauptung, Stadttauben seien «fliegende Ratten» und gefährliche Krankheitsüberträger. Eine sachliche epidemiologische Betrachtung zeigt jedoch: Das tatsächliche Gesundheitsrisiko für gesunde Menschen ist äusserst gering.
Wissenschaftliche Einordnung der Erreger
Theoretische Erregerlisten, die häufig von Schädlingsbekämpfern zitiert werden, ignorieren die realen Übertragungswege. Bereits 1998 stellte das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin klar: «Zwar ist eine Übertragung von Krankheitserregern durch freilebende Tauben auf den Menschen prinzipiell möglich, dies gilt jedoch in gleichem Masse für andere in Städten lebende Wildvogelarten wie Enten, Schwäne, Sperlinge, Amseln und Meisen, aber auch für Säugetierarten wie Eichhörnchen oder Marder.» Es wäre demnach nicht gerechtfertigt, Stadttauben allein deshalb als «Gesundheitsschädlinge» einzustufen. Diese Einschätzung wird durch die Faktenprüfung von Kneidl-Fenske und Dämmrich (2018) bestätigt, die zahlreiche im Internet kursierende Behauptungen systematisch mit Fachquellen wie dem Robert Koch-Institut abgeglichen haben.
Faktencheck: Salmonellen und Kryptokokkose
Zwei Krankheiten werden besonders oft als Horrorszenarien herangezogen, lassen sich aber bei genauer Betrachtung einordnen:
Salmonellose: Laut Kneidl-Fenske und Dämmrich (2018) sind die bei Tauben vorkommenden Salmonellenstämme, namentlich Salmonella Typhimurium var. Copenhagen, taubenspezifisch und stellen keine Zoonose dar. Eine relevante Übertragung würde ohnehin eine direkte orale Aufnahme grosser Mengen erfordern, etwa durch massiv kontaminierte Lebensmittel. Im normalen städtischen Alltag ist eine Ansteckung daher äusserst unwahrscheinlich.
Kryptokokkose (Pilzinfektion): Hier bestätigt die Quelle, dass der Erreger Cryptococcus neoformans tatsächlich vor allem in Vogelfäkalien, insbesondere von Tauben, vorkommt. Eine Infektion setzt jedoch das Einatmen der hitze- und austrocknungsresistenten Erreger voraus. Betroffen sind fast ausschliesslich stark immungeschwächte Personen sowie Situationen mit massiver Staubbelastung in geschlossenen Räumen, etwa bei ungeschützten Räumungsarbeiten auf stark verschmutzten Dachböden. Im normalen städtischen Alltag ist dieses Risiko äusserst gering. Kneidl-Fenske und Dämmrich empfehlen für solche Ausnahmefälle den Einsatz von Atemschutzmasken, nicht die pauschale Vertreibung oder Tötung von Tauben.
Panikmache zur Rechtfertigung
Das Schüren von Krankheitsängsten dient oft als Rechtfertigung für lukrative Vertreibungsaufträge. Für Menschen, die Stadttauben lediglich im öffentlichen Raum begegnen, besteht kein Anlass für besondere Hygienemassnahmen. Bei direktem Kontakt mit Tieren oder deren Hinterlassenschaften gelten die üblichen Hygieneregeln, wie etwa gründliches Händewaschen.











