
Stadttauben in Bern
Sterilisation im Zentrum der Bestandskontrolle
Bern verfolgt seit vielen Jahren ein eigenes Konzept zur Regulierung seiner Stadttauben. Nachdem der Gemeinderat 2010 die Zuständigkeit dem Tierpark Bern übertragen hatte, wurde ein Taubenmanagement mit betreuten Schlägen, kontrollierter Fütterung, Eierkontrollen, jährlichen Zählungen und Gesundheitsmassnahmen aufgebaut. Kernstück der Populationskontrolle ist nach Angaben der Stadt die chirurgische Sterilisation männlicher Stadttauben.
Nach Angaben des Tierparks lebten in Bern in den 1980er- und 1990er-Jahren mehr als 10’000 Stadttauben. Seit 2012 liegt der Bestand laut der Stadt konstant zwischen 1’000 und 1’500 Tieren. Der Tierpark führt diese Stabilisierung auf sein Taubenmanagement zurück. Heute bestehen acht betreute Taubenschläge in der Altstadt und verschiedenen Aussenquartieren.
Sterilisation als Berner Besonderheit
Bei der in Bern angewandten Methode werden männliche Tauben endoskopisch vasektomiert. Dabei werden unter Vollnarkose die Samenleiter durchtrennt, während die Täuber hormonell aktiv bleiben und ihr natürliches Balz-, Paarbindungs- und Brutverhalten erhalten bleiben soll. Eine gemeinsam mit der Justus-Liebig-Universität Giessen durchgeführte Untersuchung zeigte eine Befruchtungsrate von lediglich 0,9 Prozent bei Paaren mit vasektomierten Täubern. Auch wesentliche Veränderungen des Paarbindungs- und Fortpflanzungsverhaltens wurden in einer weiteren Untersuchung nicht festgestellt.
Die Methode ist jedoch mit einem medizinischen Eingriff und entsprechenden Risiken verbunden. Im Feldversuch wurden 523 Stadttauben eingefangen und die 252 männlichen Tiere endoskopisch sterilisiert. 15 dieser Täuber – 5,95 Prozent – starben infolge von Komplikationen des Eingriffs. Als Ursachen werden unter anderem Verletzungen des Harnleiters, innere Blutungen sowie ein Atemstillstand während der Narkose genannt. Die grosse Mehrheit der operierten Tiere erholte sich zwar schnell und komplikationslos, der Eingriff war damit aber keineswegs risikofrei.
Was bedeutet der Einfang für vorhandene Nestlinge?
Aus Tierschutzsicht stellt sich bei der Methode noch eine weitere Frage: Was geschieht mit möglicherweise vorhandenen Nestlingen, wenn ein Elterntier eingefangen wird?
Tauben ziehen ihre Jungen gemeinsam auf. Beide Eltern produzieren Kropfmilch und beteiligen sich an Brut und Jungenaufzucht. Frisch geschlüpfte Nestlinge müssen zudem in ihrer ersten Lebenswoche ständig von einem Elternteil gewärmt werden. Die Dissertation verweist darauf, dass ein Elternteil allein zwei Nestlinge nicht ausreichend mit Kropfmilch versorgen könne und beim Ausfall eines Partners deshalb meist die gesamte Brut zugrunde gehe.
Im beschriebenen Berner Feldversuch wurden die Tauben im Stadtgebiet mit Fangkörben eingefangen, in den Tierpark Dählhölzli gebracht, untersucht und in Quarantäneboxen untergebracht. Erst am dritten Tag nach dem Einfang erfolgte bei Tieren, die einen gesunden Eindruck machten, die endoskopische Untersuchung beziehungsweise Sterilisation.
Bei einem solchen Fang frei lebender, individuell zuvor nicht bekannter Tauben lässt sich am eingefangenen Tier jedoch nicht zuverlässig erkennen, ob es gerade Nestlinge versorgt. Entsprechend besteht während der Brutzeit das Risiko, dass ein versorgendes Elterntier für mehrere Tage ausfällt – mit möglicherweise gravierenden Folgen für seine Jungen.
Die Dissertation dokumentiert nicht, dass im Berner Versuch tatsächlich Nestlinge aus diesem Grund starben. Sie zeigt aber einerseits die Abhängigkeit der Nestlinge von beiden Eltern und andererseits die mehrtägige Abwesenheit der eingefangenen Tiere. Aus unserer Sicht gehört dieses Risiko deshalb zur tierschutzfachlichen Bewertung einer solchen Methode.
Warum Bern nicht dem klassischen Augsburger Modell entspricht
Das Berner Konzept wird teilweise mit dem Augsburger Modell in Verbindung gebracht. Aus unserer Sicht sollte hier jedoch klar unterschieden werden. Beide Ansätze arbeiten mit betreuten Taubenschlägen, kontrollierter Fütterung und dem Austausch befruchteter Eier gegen Attrappen.
Der entscheidende Unterschied liegt in der Gewichtung der Massnahmen: Während beim Augsburger Modell der systematische Eiertausch im Zentrum der Bestandsregulierung steht, bezeichnet die Stadt Bern die wissenschaftlich entwickelte Methode der Populationskontrolle mit der chirurgischen Sterilisation männlicher Tauben als «Kernstück des Berner Taubenkonzepts».
Auch der Eiertausch ist in Bern Bestandteil des Managements. Die Reproduktion wird durch regelmässige Gelegekontrollen überwacht. Befruchtete Eier werden gegen Gipsattrappen ausgetauscht, während unbefruchtete Eier bis zum Ende der Brut im Nest verbleiben und anschliessend entsorgt werden.
Wir sehen die chirurgische Sterilisation dennoch kritisch – nicht weil ihre Wirkung beim einzelnen sterilisierten Täuber grundsätzlich bestritten werden müsste, sondern weil für jedes behandelte Tier ein medizinischer Eingriff erforderlich ist und dieser mit Risiken verbunden ist. Der systematische Eiertausch verfolgt dasselbe übergeordnete Ziel, nämlich weniger Nachwuchs, ohne dafür gesunde erwachsene Tauben einfangen und operieren zu müssen.
Hinzu kommt die begrenzte Reichweite der bestehenden Infrastruktur. Die acht Berner Taubenschläge bieten nicht allen Stadttauben einen Schlaf- und Nistplatz. Nach Angaben des Tierparks wurden im September 2025 rund 1’138 Stadttauben gezählt. Ein Teil der Population lebt somit weiterhin ausserhalb der betreuten Schläge und sucht in der Stadt nach Nahrung.
Fazit
Bern zeigt, dass betreute Taubenschläge und eine langfristige kommunale Zuständigkeit wichtige Grundlagen eines Stadttaubenmanagements sein können. Seit 2012 liegt der Bestand nach Angaben der Stadt konstant zwischen 1’000 und 1’500 Tieren. Auch der Eiertausch ist Bestandteil des Berner Konzepts.
Im Zentrum der Populationskontrolle steht jedoch die chirurgische Sterilisation männlicher Tauben. Darin unterscheidet sich das Berner Konzept wesentlich von einem konsequent auf Eiertausch ausgerichteten Augsburger Modell.
Bei der Bewertung der Sterilisation müssen aus unserer Sicht auch die Belastungen und Risiken für die Tiere berücksichtigt werden. In der zugrunde liegenden Studie starben 15 von 252 sterilisierten Täubern infolge von Komplikationen. Hinzu kommt die Frage nach der Versorgung möglicher Nestlinge, wenn ein Elterntier eingefangen und für mehrere Tage vom Nest entfernt wird.
Aus unserer Sicht wäre deshalb zu prüfen, ob Bern seine betreuten Taubenschläge weiter ausbauen und die Bestandsregulierung stärker über den systematischen Eiertausch organisieren könnte. So liesse sich die Fortpflanzung kontrollieren, ohne dafür gesunde Tauben operieren zu müssen.

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