17. August 2026 • Management • Myths and Facts • Media and Politics • Switzerland

Corona und Stadttauben

PPMV-1: Was geschah 2020 in Basel?

Mitten im ersten Corona-Lockdown meldete das Gesundheitsdepartement Basel-Stadt am 22. April 2020 einen Ausbruch der sogenannten «Taubenpest». Bei Basler Stadttauben war Pigeon-Paramyxovirus 1 (PPMV-1) nachgewiesen worden. Die Krankheit ist für Tauben ernst zu nehmen und kann insbesondere neurologische Symptome verursachen.

Bemerkenswert war jedoch, wie die Behörde den Ausbruch mit einer ganz anderen Debatte verband: der Versorgung der Stadttauben während des Corona-Lockdowns. Während Tierschützer angesichts leerer Innenstädte und fehlender Nahrungsquellen zum Füttern aufriefen, erklärte das Gesundheitsdepartement:

«Von Aufrufen auf Social Media-Kanälen zur Fütterung von Stadttauben wegen angeblicher Futterknappheit im Zuge des Coronavirus-Lockdowns wird aus seuchenpolizeilichen Gründen dringend abgeraten.»

Die Futterknappheit wurde nicht nur als «angeblich» bezeichnet. Die Behörde erklärte ausdrücklich: «Einerseits herrscht keine Futterknappheit im öffentlichen Raum.»

Aus Tierschutzsicht lohnt es sich, diese Argumentation genauer anzusehen.

Was ist die «Taubenpest»?

Der umgangssprachliche Begriff «Taubenpest» bezeichnet eine Infektion mit Pigeon-Paramyxovirus 1 (PPMV-1), einer an Tauben angepassten Variante des Avian Orthoavulavirus 1. Das Virus kann von Taube zu Taube übertragen werden und bei erkrankten Tieren unter anderem neurologische Störungen hervorrufen.

Typisch können Koordinationsprobleme, Lähmungserscheinungen oder eine verdrehte Kopfhaltung sein. Für die betroffenen Tauben kann die Krankheit schwerwiegend sein: Gerade die neurologischen Symptome können dazu führen, dass sie Futter und Wasser nicht mehr selbstständig aufnehmen können.

Die «Taubenpest» ist damit zunächst einmal eine Erkrankung, unter der die betroffenen Tauben selbst leiden.

Wie gefährlich ist PPMV-1 für Menschen?

Das Basler Gesundheitsdepartement schrieb 2020, dass das Virus grundsätzlich auch auf Menschen übertragen werden könne. Als mögliche Folgen nannte es Bindehautentzündung oder leichte Grippesymptome und fügte hinzu, dass keine weiteren gravierenden Symptome verursacht würden.

PPMV-1 besitzt also zoonotisches Potenzial. Das Risiko für Menschen wird in der Fachliteratur grundsätzlich als gering beschrieben; bekannt sind insbesondere Bindehautentzündungen und selten grippeähnliche Symptome nach direktem Kontakt mit infizierten Vögeln. Es sind allerdings auch einzelne schwere und tödliche PPMV-1-Infektionen beim Menschen dokumentiert worden, insbesondere bei immungeschwächten Personen.

Daraus lässt sich jedoch nicht automatisch eine relevante Gesundheitsgefahr für die Allgemeinbevölkerung durch Stadttauben im öffentlichen Raum ableiten.

Gerade beim Begriff «Taubenpest» ist diese Unterscheidung wichtig. Der Name klingt für Laien nach einer gefährlichen Seuche, die möglicherweise auch Menschen bedroht. Das tatsächliche Risiko sollte deshalb sachlich eingeordnet werden.

Wurde eine Krankheit zum Argument gegen das Füttern?

Basel begründete seine Warnung vor Futterstellen damit, dass dort infizierte und nicht infizierte Tauben zusammentreffen und sich das Virus verbreiten könne. Dass enger Kontakt zwischen Tieren die Übertragung einer ansteckenden Krankheit begünstigen kann, ist grundsätzlich nachvollziehbar.

Stadttauben leben jedoch ohnehin in sozialen Verbänden. Sie teilen Schlaf-, Brut- und Ruheplätze und suchen gemeinsam nach Nahrung. Ein Fütterungsverbot verhindert diese Kontakte nicht.

Vor allem aber stellt sich aus Tierschutzsicht die Frage, warum aus einer Erkrankung der Tauben ausgerechnet die Konsequenz gezogen werden sollte, ihre Versorgung einzuschränken. Eine kontrollierte Fütterung bietet vielmehr die Möglichkeit, eine Stadttaubenpopulation regelmässig zu beobachten und auffällige Tiere überhaupt frühzeitig zu erkennen.

Die Alternative lautet deshalb nicht, überall unkontrolliert Futter auszustreuen. Es geht um eine kontrollierte und artgerechte Versorgung der vorhandenen Tiere.

Und gab es wirklich keine Futterknappheit?

Besonders fragwürdig erscheint rückblickend die kategorische Aussage des Gesundheitsdepartements: «Einerseits herrscht keine Futterknappheit im öffentlichen Raum.»

Diese Aussage fiel mitten im Corona-Lockdown. Restaurants und Take-aways waren geschlossen, Touristen fehlten und wesentlich weniger Menschen hielten sich in den Innenstädten auf. In zahlreichen europäischen Städten warnten Tierschutzorganisationen vor den Folgen des plötzlich reduzierten Nahrungsangebots. Einige Städte reagierten sogar mit Ausnahmegenehmigungen und erlaubten Tierschützern eine kontrollierte Fütterung.

Wie wir in unserem Artikel über Stadttauben während Corona zeigen, rechtfertigen die damaligen Beobachtungen zwar nicht die Behauptung eines flächendeckenden «Massensterbens». Sehr wohl gibt es aber Hinweise darauf, dass die abrupte Veränderung menschlicher Aktivitäten die Nahrungsversorgung von Stadttauben beeinträchtigte.

Die Basler Behauptung, es herrsche schlicht keine Futterknappheit, erscheint vor diesem Hintergrund zumindest sehr fragwürdig.

Fazit

Dass Basel 2020 über einen PPMV-1-Ausbruch informierte, war richtig. Die Krankheit kann für betroffene Tauben schwerwiegend sein.

Kritikwürdig ist aus unserer Sicht, dass das Gesundheitsdepartement den Krankheitsausbruch unmittelbar mit der damaligen Diskussion um hungernde Stadttauben verband, die Futterknappheit während des Lockdowns als «angeblich» bezeichnete und aus seuchenpolizeilichen Gründen vom Füttern abriet.

PPMV-1 besitzt zoonotisches Potenzial, das Risiko für Menschen wird jedoch grundsätzlich als gering beschrieben. Neben den meist genannten milden Erkrankungen sind allerdings auch einzelne schwere und tödliche Infektionen dokumentiert worden, insbesondere bei immungeschwächten Personen. Die «Taubenpest» ist zugleich eine Krankheit, unter der die betroffenen Tauben selbst leiden.

Für uns folgt daraus nicht, Stadttauben die Versorgung zu verweigern. Ein tiergerechtes Stadttaubenmanagement nach dem Augsburger Modell verbindet stattdessen betreute Taubenschläge und artgerechte Fütterung mit gezielter Bestandskontrolle durch Eiertausch. So lassen sich Versorgung, Beobachtung der Tiere und Populationskontrolle miteinander verbinden.

Eine Krankheit, unter der Stadttauben selbst leiden, sollte nicht zum Argument dafür werden, ihnen notwendige Hilfe zu verweigern.

Gesamtkonzeptveganwebagency

Our comprehensive guide is based on the Augsburg Model and shows how managed pigeon lofts can be implemented efficiently and humanely in Switzerland.

1Gesundheitsdepartement Basel-Stadt (22. April 2020) - «Taubenpest im Kanton Basel-Stadt»https://www.bs.ch/medienmitteilungen/gd/2020-taubenpest-im-kanton-basel-stadt
2Pro Palomas (26. April 2020) - «Was ist die Basler Taubenpest?»https://pro-palomas.de/2020/04/26/was-ist-die-basler-taubenpest/
3Huthmann, E. (2009): Untersuchungen zu Infektionen mit dem aviären Paramyxovirus 1 (APMV-1), Dissertation, LMU Münchenhttps://stadttauben.ch/wp-content/uploads/2020/05/181018_Taubenkonzept_Karlsruhe_DJGT_Papier.pdf