16. August 2026 • Germany • Pigeon Control • Pigeon Control and Advertising • Media and Politics • Switzerland • Unkategorisiert

Medien und Politik

Wie Medien das Bild von Stadttauben prägen

Wie eine Stadt mit Stadttauben umgeht, wird nicht nur in politischen Gremien entschieden. Auch die Medien prägen, wie die Tiere wahrgenommen werden und welche Massnahmen in der Öffentlichkeit als notwendig gelten.

Die Masterarbeit von Minea Pejic mit dem Titel «Tötet die Tauben? Was Medien mit dem politischen Stadttaubenmanagement zu tun haben» untersucht diesen Zusammenhang am Beispiel von München und Ingolstadt. Die Arbeit zeigt: Wo Tauben vor allem als Schädlinge, Krankheitsüberträger und Verschmutzer dargestellt werden, erscheinen Fütterungsverbote und Vergrämungsmassnahmen als naheliegende politische Antworten. Wo dagegen ihre Biologie und die Verantwortung des Menschen thematisiert werden, erhalten betreute Taubenschläge eher Unterstützung.

Ein einseitiger Blick auf die Stadttaubenproblematik

Nach Pejic konzentriert sich die mediale Berichterstattung häufig auf Verschmutzungen, vermeintliche Gesundheitsgefahren und Abwehrmassnahmen. Weniger Aufmerksamkeit erhalten die biologischen Grundlagen der Stadttauben.

Dabei ist eine sachliche Einordnung entscheidend. Stadttauben sind verwilderte Haustauben und keine gewöhnlichen Wildtauben. Ihre Domestikationsgeschichte, ihre Standorttreue und ihr häufiges Brutverhalten beeinflussen, wie politische Massnahmen wirken. Werden diese Zusammenhänge nicht erklärt, können Fütterungsverbote oder Vergrämungsmassnahmen als wirksame Lösungen erscheinen, obwohl ihre tatsächlichen Folgen umstritten sind.

Die Sprache der Berichterstattung verstärkt diesen Effekt. Begriffe wie «Plage», «Taubenterror» oder «Ratten der Lüfte» erzeugen ein Feindbild. Die Taube erscheint nicht mehr als vom Menschen geprägtes Tier, sondern als Gegner, der bekämpft werden muss.

Die besondere Rolle von Haag Wackernagel

Eine zentrale Kritik der Arbeit richtet sich auf die besondere Stellung des Basler Biologen Prof. Dr. Haag Wackernagel im Stadttaubendiskurs. Wer nach wissenschaftlichen Informationen über Stadttauben sucht, stösst häufig auf seine Veröffentlichungen und auf das von ihm vertretene Basler Modell.

Pejic weist jedoch darauf hin, dass seine Darstellung der Stadttauben stark von Themen wie Krankheiten, Parasiten und möglichen Gefahren für Menschen geprägt ist. Besonders deutlich zeigt sich dies nach ihrer Analyse in der Basler Ausstellung «Unerwünschte Gäste». Ein grosser Teil der Ausstellung befasste sich mit Krankheiten und Parasiten. Aussagen wie «Strassentauben übertragen Krankheiten auf den Menschen» oder «Parasiten der Taube können den Menschen befallen» erzeugen bereits durch ihre Formulierung einen negativen Deutungsrahmen.

Auch der Ausstellungstitel selbst ist nicht neutral. Wer Tauben als «unerwünschte Gäste» bezeichnet, legt nahe, dass ihre Anwesenheit grundsätzlich falsch oder schädlich ist. Selbst wenn eine solche Darstellung später relativiert wird, bleibt der erste Eindruck bestehen.

Pejic verweist zudem auf die Zusammenarbeit der Ausstellung mit einem Schädlingsbekämpfungsunternehmen und einem Anbieter von Taubenabwehrsystemen. Ausserdem finden sich Veröffentlichungen Haag Wackernagels in Fachmedien der Schädlingsbekämpfung. Die Autorin stellt deshalb die Frage, ob wissenschaftliche Aussagen in diesem Umfeld auch politische oder wirtschaftliche Interessen unterstützen können.

Diese Frage sollte nicht mit einer pauschalen Verurteilung beantwortet werden. Die Arbeit beweist nicht, dass jede Aussage Haag Wackernagels falsch oder bewusst interessengeleitet ist. Sie fordert jedoch dazu auf, wissenschaftliche Positionen kritisch zu prüfen. Dazu gehören die verwendeten Quellen, die zugrunde liegenden Methoden, die Interessen beteiligter Akteure und die praktischen Folgen der empfohlenen Massnahmen.

Wissenschaft ist nicht automatisch neutral

Ein wichtiger Gedanke der Arbeit lautet: Auch Wissenschaft findet innerhalb gesellschaftlicher Macht- und Deutungskämpfe statt. Wissenschaftliche Aussagen können politische Entscheidungen beeinflussen und bestimmte wirtschaftliche Modelle fördern.

Wenn Tauben überwiegend als Gesundheitsgefahr und Gebäudeschädlinge beschrieben werden, stärkt dies jene politischen und wirtschaftlichen Akteure, die auf Fütterungsverbote, Vergrämung und Schädlingsbekämpfung setzen. Andere Perspektiven geraten dagegen leichter in den Hintergrund. Dazu gehören die Einordnung der Stadttaube als verwildertes Haustier, die menschliche Verantwortung und das Konzept betreuter Taubenschläge.

Medien übernehmen solche Deutungen häufig, indem sie vor allem jene Stimmen zu Wort kommen lassen, die bereits zur politischen Mehrheitsposition passen. In München zeigte sich dies laut Pejic in einer überwiegend negativen Berichterstattung rund um das Fütterungsverbot. In Ingolstadt entwickelte sich der Ton dagegen positiver, nachdem die Stadt einen Taubenschlag nach dem Augsburger Modell beschlossen hatte.

Warum diese Debatte wichtig ist

Die öffentliche Wahrnehmung beeinflusst politische Entscheidungen. Wer Tauben ständig als «Plage» wahrnimmt, wird harte Bekämpfungsmassnahmen eher akzeptieren. Wer dagegen über ihre Herkunft, ihre Bedürfnisse und die Grenzen von Futterentzug und Vergrämung informiert wird, kann politische Lösungen differenzierter beurteilen.

Deshalb sollten Medien nicht nur über Beschwerden und Verschmutzungen berichten. Sie sollten auch unterschiedliche Fachpositionen einbeziehen und insbesondere prüfen, ob eine Quelle wissenschaftlich unabhängig ist und welche Interessen mit einer bestimmten Darstellung verbunden sein könnten.

Die Arbeit von Minea Pejic zeigt: Der Stadttaubendiskurs ist nicht nur eine Auseinandersetzung über Tiere. Er ist auch ein Kampf um Deutungshoheit. Welche wissenschaftlichen Stimmen gehört werden, welche Begriffe verwendet werden und welche Lösungen als realistisch gelten, kann entscheidend dafür sein, ob eine Stadt auf Ausgrenzung oder auf eine tiergerechte Regulierung setzt.

1Pejic, M. (Ludwig-Maximilians-Universität München / Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung, 2019) - „Tötet die Tauben“?: Was Medien mit dem politischen Stadttaubenmanagement zu tun haben (Masterarbeit)https://stadttauben.ch/wp-content/uploads/Masterarbeit_Minea-Pejic.pdf