17. August 2026 • Management • Germany • Media and Politics • Unkategorisiert

Corona und Stadttauben

Als im Lockdown plötzlich das Futter fehlte

Im Frühjahr 2020 verschwanden die Menschen fast über Nacht aus den Innenstädten. Restaurants und Geschäfte schlossen, Touristen blieben aus, Bahnhöfe und Plätze waren leer. Für Stadttauben hatte das eine unmittelbare Folge: Mit den Menschen verschwanden auch Essensreste und ein Teil der Fütterungen, auf die viele Tiere angewiesen waren.

Der Corona-Lockdown wurde damit unbeabsichtigt zu einem grossen Experiment: Was passiert mit Stadttauben, wenn das menschliche Leben in den Innenstädten plötzlich zum Stillstand kommt?

Die Antwort war regional unterschiedlich. Ein flächendeckendes «Massensterben» lässt sich nicht belegen. Sehr deutlich wurde aber etwas anderes: Stadttauben sind eng von den Lebensbedingungen abhängig, die wir Menschen in unseren Städten geschaffen haben. Und ausgerechnet in dieser Ausnahmesituation zeigte sich vielerorts, wie problematisch pauschale Fütterungsverbote sein können.

Tierschutzorganisationen schlugen Alarm

In Deutschland warnte der Deutsche Tierschutzbund während des Lockdowns vor einem erheblichen Tierschutzproblem. Geschlossene Gastronomie, weniger Passanten und damit weniger Essensreste verschärften die ohnehin schwierige Nahrungssituation der Stadttauben. Gefordert wurde dabei nicht, dass jeder wahllos Brot auf die Strasse werfen sollte, sondern eine kontrollierte Versorgung mit artgerechtem Futter und Wasser durch sachkundige Personen.

Einige Städte reagierten. Köln erteilte bereits im Frühjahr 2020 Ausnahmegenehmigungen an 25 Tierschützerinnen und Tierschützer, die Tauben an bestimmten Orten gezielt versorgen durften – unter anderem rund um den Kölner Dom. Auch in weiteren deutschen Städten wurden Fütterungsverbote während der Lockdowns teilweise gelockert.

Aus unserer Sicht war das die richtige Reaktion: Wenn eine aussergewöhnliche, vom Menschen verursachte Situation plötzlich wesentliche Nahrungsquellen einer bereits vorhandenen Tierpopulation beseitigt, kann die Antwort nicht sein, hungernde Tiere ihrem Schicksal zu überlassen.

Wien: Tierschutzverein und Stadt im Streit

Wie unterschiedlich die Verantwortung gegenüber Stadttauben verstanden wurde, zeigte sich besonders deutlich in Wien. Der Wiener Tierschutzverein warnte bereits Ende März 2020, dass den Tauben durch die Ausgangsbeschränkungen ein grosser Teil ihrer Nahrungsquellen weggebrochen sei, und forderte Hilfe. Die Stadt widersprach und hielt zusätzliche Fütterungen für unnötig.

Interessant ist allerdings, dass auch die Wildtierhilfe Wien die Situation untersuchte und bis Ende April bei ihren eingelieferten Tauben keine Zunahme hungernder Tiere feststellen konnte. Das gehört zu einer seriösen Betrachtung dazu: Nicht in jeder Stadt und nicht zu jedem Zeitpunkt führte der Lockdown nachweisbar zu einer akuten Hungerkrise.

Für uns ändert das aber nichts an der grundsätzlichen Frage. Muss erst eine grosse Zahl verhungernder Tiere nachgewiesen werden, bevor kontrollierte Hilfe gerechtfertigt ist? Tierschutz sollte einsetzen, bevor vermeidbares Leiden ein grosses Ausmass erreicht.

Corona machte die Abhängigkeit sichtbar

Dass der Lockdown für Stadttauben nicht einfach bedeutungslos war, zeigen auch wissenschaftliche Untersuchungen. Eine 2021 in «Biological Conservation» veröffentlichte Studie aus Singapur untersuchte die Auswirkungen der eingeschränkten menschlichen Aktivitäten auf verschiedene Stadtvögel. Verwilderte Haustauben gehörten zu den am stärksten betroffenen Arten. Sie verbrachten mehr Zeit mit Nahrungssuche und Bewegung und weniger Zeit mit Ruhen; zugleich veränderte sich ihre Häufigkeit.

Das überrascht wenig. Stadttauben sind keine Wildtiere, die unabhängig vom Menschen in unsere Innenstädte eingewandert sind. Sie sind Nachkommen domestizierter Tauben und leben seit Generationen in einer vom Menschen geschaffenen Umwelt. Auch die Wildtierhilfe Wien betonte während Corona ausdrücklich diesen Unterschied: Stadttauben seien keine Wildtiere, sondern verwilderte Haustiere, für die deshalb eine besondere Verantwortung bestehe.

Corona hat diese Abhängigkeit nicht geschaffen. Der Lockdown hat sie lediglich plötzlich sichtbar gemacht.

Das eigentliche Problem sind nicht die Tauben

Genau deshalb halten wir die Vorstellung für problematisch, man müsse Stadttauben nur konsequent weniger Nahrung zur Verfügung stellen und die Population werde sich dann auf «natürliche» Weise regulieren.

An der heutigen Stadttaubenpopulation ist wenig natürlich. Der Mensch hat ihre Vorfahren domestiziert, gezüchtet und über Generationen an sich gebunden. Heute leben ihre Nachkommen in unseren Städten – und werden vielerorts gleichzeitig mit Fütterungsverboten belegt.

Das bedeutet nicht, dass unkontrollierte Fütterung mit Brot, Essensresten oder grossen Futtermengen eine gute Lösung wäre. Auch der Deutsche Tierschutzbund forderte während Corona ausdrücklich eine kontrollierte und artgerechte Versorgung. Genau darin liegt der Unterschied.

Aus unserer Sicht muss verantwortungsvolles Stadttaubenmanagement Versorgung und Populationskontrolle miteinander verbinden: artgerechtes Futter und Wasser für die Tiere, die bereits da sind, betreute Taubenschläge und konsequenter Eiertausch, um die Fortpflanzung gezielt zu begrenzen.

Was wir aus Corona lernen sollten

Der Corona-Lockdown hat nicht bewiesen, dass ohne Fütterung überall massenhaft Stadttauben verhungern. Eine solche Behauptung wäre zu pauschal. Er hat aber sehr deutlich gezeigt, wie schnell menschliche Entscheidungen die Lebensgrundlage dieser Tiere verändern können.

Dass einige Städte ihre Fütterungsverbote ausgerechnet während Corona lockerten, war deshalb folgerichtig. Sie erkannten zumindest vorübergehend an, dass man vorhandene Tiere nicht erst hungern lassen kann, um anschliessend ihre geringere Zahl als Erfolg der Bestandsregulierung zu betrachten.

Für uns bleibt daraus eine klare Konsequenz: Eine tiergerechte Populationskontrolle sollte verhindern, dass unerwünschter Nachwuchs entsteht – nicht darauf setzen, dass für die bereits vorhandenen Tiere zu wenig Nahrung da ist.

Wie unterschiedlich diese Frage während Corona beurteilt wurde, zeigte sich besonders deutlich in Basel. Dort sprach sich der langjährige Taubenforscher Daniel Haag-Wackernagel gegen zusätzliche Fütterung aus und sagte über Nestlinge bei Nahrungsknappheit:

«Ist genug Nahrung vorhanden, kommen die Nestlinge durch, wenn nicht, ist nicht viel verloren, wenn sie sterben.»

Mit dieser Aussage, ihrer wissenschaftlichen Einordnung und der Vorgeschichte des Basler Fütterungsverbots beschäftigen wir uns im nächsten Artikel.

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1Deutsche Welle (6. Mai 2020) - «German city issues coronavirus pigeon-feeding permits»https://amp.dw.com/en/german-city-issues-coronavirus-pigeon-feeding-permits/a-53355238
2Deutschlandfunk Nova (16. Februar 2021) - «Lockdown bedeutet weniger Futter für Stadttauben»https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/tierschutz-lockdown-bedeutet-weniger-futter-fuer-stadttauben
3GEO (22. Februar 2021) - «Tierschützer dürfen im Lockdown ausnahmsweise Tauben füttern»https://www.geo.de/natur/tierwelt/corona-pandemie-tierschuetzer-duerfen-im-lockdown-ausnahmsweise-tauben-30404138.html
5Wildtierhilfe Wien (1. April 2020) - «Wildtier-Fütterung in der Corona-Krise»https://www.wildtierhilfe-wien.at/wildtier-fuetterung-in-der-corona-krise/
6regionalHeute (20. November 2020) - «Futter- und Wassermangel: Stadttauben leiden unter Lockdown und kalter Jahreszeit»https://regionalheute.de/braunschweig/futter-und-wassermangel-stadttauben-leiden-unter-lockdown-und-kalter-jahreszeit-1605867633/
7Soh et al. (2021): «Restricted human activities shift the foraging strategies of feral pigeons (Columba livia) and three other commensal bird species», Biological Conservation, Vol. 253, 108927https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S000632072030985X